Von Bären und Indianern
Von Donnerstag, den 03.06.2010 bis Samstag, den 05.06.2010 führte eine Studienfahrt des Heimatvereins die Teilnehmer nach Ostfriesland.
In Nienburg traf die Gruppe auf die Bärenspur. Die
„Nienburger Bärentatzen“ waren namengebend für die Bärenspur durch Nienburg,
die vorbei an der kleinen Nienburgerin, dem Spargelbrunnen und dem Fresenhof führt. Das streng geheime Biskuitrezept wurde von
einer französischen Familie aus der Heimat mit nach Nienburg gebracht. Die
Bärentatzenform, nach einem Siegel des Hoyaer Grafen angefertigt, gaben den „Nienburger Bärentatzen“ die bekannte Form. Bei
einer Stadtführung wurde die Kirche St. Martin besucht. Hier konnte das Grabmal
von Agnes von Bentheim-Steinfurt und Otto VIII von Hoya besichtigt werden.
Agnes von Bentheim Steinfurt war in erster Ehe mit dem Grafen Johann II von
Rietberg, genannt der Tolle Johann, verheiratet. Nach dessen Tod heiratete sie
Otto VIII. von Hoya, einen Schwager ihrer Tochter Armgard. Als Armgards Mann,
Erich V. von Hoya, verstarb, übernahm Otto VIII. die Regentschaft und Agnes
wurde reg. Gräfin.
Im Museum in Hoya trafen wir wieder auf die Rietberger
Grafenfamilie. Diesmal waren Drucke des berühmten Gemäldes von Hermann tom Ring zu sehen, die neben dem Grafenpaar Johann II und
Agnes von Bentheim-Steinfurt auch deren Töchter Armgard und Walburgis
zeigten. Eine Stadtführung in Hoya und ein Kaffeetrinken im Museum rundeten
diesen Besuch ab. Eine weitere Station dieser Reise auf den Spuren des Rietberger Grafenhauses – und der Bären – war Aurich. Im
beeindruckenden Saal der Ostfriesischen Landschaft waren Gemälde der Regenten
aus dem Hause Hoya aufgereiht, darunter auch Enno III., der mit Walburga,
Tochter des Tollen Johann, verheiratet war. Nach der Besichtigung des Saales der
ostfriesischen Landschaft stand das gut restaurierte
Mausoleum der Cirksena und der umgebende Friedhof mit
Gräbern bekannter Persönlichkeiten auf dem Programm. Danach ging es weiter nach
Dornum zur Besichtigung einer typischen ostfriesischen Häuptlingskirche mit
freistehendem schiefen Turm, ebenfalls typisch für
viele ostfriesische Kirchen. Der Turm von Pisa ist nicht der schiefste
Kirchturm, sondern der steht in Ostfriesland!
Dann kam das Hauptziel der Reise: Esens.
Dort wurde im Namen von Bürgermeister K. Wilbers und Stadtdirektor J. Buß der Samtgemeinde Esens im Rathause dem Vorsitzenden des Heimatvereins
Rietberg, Dr. Michael Orlob, „in geschichtlicher Verbundenheit“ das Buch „Esens und Bensersiel“
überreicht. Im Ahnensaal des Rathauses hängt
über dem Kamin das Bildnis der Rietberger Grafentöchter Walpurgis und Armgard.
Der Bär wird im Wappen von Esens
geführt. Nach der Überlieferung rettete im Mittelalter ein Tanzbär die
befestigte Stadt. Die Gegner versuchten, die Stadt auszuhungern. Kurz vor der
Aufgabe befreite sich der Tanzbär fahrender Musikanten, kletterte vor Hunger
brüllend auf den Turm des Steintores und warf mit Steinen. Die Belagerer
folgerten, dass Esens noch genügend Proviant hätte,
um in diesen schlechten Zeiten sogar noch einen Bären füttern zu können und
brachen die Belagerung ab. Die Stadt war gerettet.
Auch in Rietberg soll es zur Aufhebung einer Belagerung
gekommen sein, nachdem ein (wohl das letzte) Schwein auf dem Schloss täglich
zum Quieken gebracht wurde und die Feinde meinten, die Belagerung sei zwecklos,
weil noch Verpflegung für lange Zeit vorhanden sei.
Im Verlauf einer Stadtführung kamen wir in die St.
Magnus-Kirche. Bei so engen verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen Rietberg
und Ostfriesland wundert es nicht, wenn hier gleich zwei Epitaphe zu sehen
waren: das sog. Rietberg- und das Walpurgis-Epitaph. Die erste Totentafel widmete Agnes von Bentheim-Steinfurt ihrem
verstorbenen Mann Johann II, Graf von Rietberg, der als Geächteter in Köln
verstarb. Das Walpurgis-Epitaph errichtete Graf Enno III. von Ostfriesland für
seine Frau, die kurz nach der Geburt und des Todes des einzigen Sohnes Johann
Edzard im 30. Lebensjahr verstarb. Gerüchte über eine Vergiftung haben sich
lange gehalten.
Über Wittmund und Stedesdorf
ging es nach Jever, wo die Besichtigung des Schlosses und des Edo-Wiemken-Denkmals und des Fräulein-Maria-Denkmals auf
dem Programm standen. Indianer gibt es in Jever nicht, aber als Häuptlinge
wurden seinerzeit die Regenten im ostfriesischen Raum bezeichnet. Dem letzten
Regenten des Jeverlandes, Edo Wiemken,
wurde von seiner Tochter Maria, dem Fräulein Maria, das Denkmal gesetzt. Nach
einem nicht eingehaltenen Heiratsversprechen, der Besetzung der Burg Jever und
nach der Hilfe durch einen Ostfriesischen Drost gelang
es Fräulein Maria, das väterliche Erbe zu verteidigen. Sie übernahm die
Regierungsgeschäfte, blieb jedoch immer das Fräulein, heiratete nie. Eine
ausführliche Stadtführung in Jever zeigte uns mehr von der Stadt. Ein Blick auf
die Emsmündung in Emden-Knook mit Friedrich dem Großen und Friedrich Wilhelm,
dem Großen Kurfürsten, deren Blicke in entgegengesetzte Richtungen gehen, und
ein kurzer Besuch in Emden durften nicht fehlen. Hier wurde uns auch das Grab
eines wirklichen Indianers gezeigt: William Big Charger
aus North Dakota verstarb in Emden und wurde auf dem Friedhof beigesetzt.
Mit dem Besuch der Burg Bentheim und einer Führung durch
diese Anlage mit der Katharinenkirche, dem
Pulverturm, dem „Herrgott von Bentheim“, dem Schlafgemach der hl. Königin Emma
und dem Rittersaal gingen drei höchst interessante Tage zu Ende.
Ingrid
Steffens